2. Salutogene Psychodynamik gesunder Entwicklung und Kohärenzregulation

Bislang ist die Psychodynamik im Wesentlichen eine Lehre der Psychopathologie aus der Geschichte der Psychoanalyse. Eine Psychodiagnose hat häufig eine diskriminierende Wirkung wie z.B. „Psychopath“ oder „Narzisst“. Immer wieder gibt es TherapeutInnen, die mit Psycho-Diagnosen über Menschen urteilen. Auch viele Journalistinnen und andere Laien benutzen psychopathologische Urteile, nicht um Menschen zu verstehen, sondern um sie zu diskriminieren. Durch Psychodiagnosen werden inzwischen weite Teile unseres individuellen und sozialen Lebens pathologisiert. Für „gesund“ gab und gibt es noch keine Definition außer Abwesenheit von Krankheit bzw. Norm.

Aus der durch Erfahrung gereiften Überzeugung, dass es eine zugrunde liegende Psychodynamik gesunder Entwicklung gibt, habe ich viele Jahre geforscht, um diese in ihren impliziten Tiefen zu ergründen und passende Worte und Bilder dafür zu finden.

Psychisch / seelisch gesund ist ein Mensch, wenn er in der Lage ist, seine unterschiedlichen Bedürfnisse, Anliegen und Ziele in seiner mehrdimensionalen Umwelt hinreichend befriedigend (für alle Beteiligten) zu kommunizieren – körperlich, emotional-mitmenschlich, mental-kulturell und geistig. Unsere psychische Gesundheit ist somit eine dynamische, wechselseitige, kommunikative und kooperative Angelegenheit.

Für die jeweilige gesunde Entwicklung können wir beim Menschen drei prozessuale Grundfähigkeiten sehen (s. Abb. 3):

  1. Er kann wahrnehmen, was bedeutsam ist. Dazu hat er ein positives, kohärentes inneres Bild von seinem Leben. Dies ist für seine Wahrnehmung derart maßgeblich, dass er unterscheiden kann, was für ihn aufbauend, stimmig und gut ist und was potentiell bedrohlich. Um dieses Wahrnehmen anzuregen, fragen wir in der Salutogenen Kommunikation die erste entscheidende Frage: Was ist dir bedeutsam?
  2. Er kann handeln und kooperieren, um a) sich seinen positiven Zielen anzunähern und b) Bedrohungen abzuwenden bzw. zu vermeiden oder c) gelassen in einer vertrauten und stimmigen Umgebung zu ruhen. Um seine Aktivität anzuregen, fragen wir die zweite entscheidende Frage: Was willst und kannst du tun?
  3. Er kann sein Handeln bilanzieren und Erfahrungen reflektieren, er kann Interaktionen mit seinen Umwelten verstehen und daraus lernen, um in Zukunft differenzierter wahrzunehmen und effektiver zu handeln usw. Um das Reflektieren anzuregen, fragen wir die dritte entscheidende Frage: Was willst und kannst Du lernen?

Abbildung 3: Die menschliche Selbst- und Stimmigkeits-/Kohärenzregulation und die drei entscheidenden Fragen. Unser Leben dreht sich um Attraktiva. Das übergeordnete attraktive Ziel ist die Stimmigkeit. Die Selbstregulation startet mit dem Wahrnehmen, das von der maßgeblichen Attraktiva, auch Soll-Zuständen, gesteuert wird. Daraus folgt die Motivation zum Handeln. Nach der Aktivität bilanziert und reflektiert der Mensch das Ergebnis und den Verlauf der Interaktion mit der Umgebung. 

Das ist die Grundlage der Psychodynamik gesunder Entwicklung. Diese salutogene Psychodynamik ist die Lehre vom Wechselspiel der Seele mit dem individuellen, realen Dasein in seinen Beziehungen mit der mehrdimensionalen Welt.

Abbildung 4: Kohärenzregulation in mehrdimensionaler Umgebung. Die Kohärenzregulation findet nicht isoliert statt, sondern in Wechselbeziehungen in einer mehrdimensionalen Umwelt. Für jede Lebensdimension hat der Mensch entsprechende Kommunikations- und Kooperationsweisen in seinen Ich-Dimensionen ausgebildet.

Die Ich-Dimensionen bauen aufeinander auf. Dabei behalten sie ein gewisses Maß an Eigenständigkeit. So reguliert das Immunsystem als fraktales Teilsystem der 1. Ich-Dimension weitgehend autonom, allerdings gut vernetzt mit den anderen Ich-Dimensionen (vgl. Schiepek 2004; Schubert 2015, 2016). Diese wiederum können auch einen Einfluss auf das Immunsystem haben. Im Menschen sollen die Teilsysteme zu einer übergeordneten Stimmigkeit finden. Die Integration der 3. und 2. Ich-Dimension wird unter dem Stichwort „Work-Life-Balance“ seit vielen Jahren gesellschaftlich verhandelt. Die darin enthaltene, implizite Aussage, dass Arbeit und damit die kulturelle Kooperation nicht zum Leben gehört, ist freilich fatal und wirft einen Schatten darauf, wie viele Menschen heute ihre Arbeit als lebensfremd und nicht zu ihrem Leben gehörend empfinden. Es sollte zutreffender heißen „Work-Privat-Balance“, denn es geht um die Balance und Integration von öffentlich-kultureller und privat-sozialer Lebensdimension.

 

Die Marmor-Skulptur „Kommunikation“ (im Header-Foto der Startseite) ist von Dietlind Petzold: www.studio-amaranta.com.